Unbenannt

Ein Bild

Manchmal – da lasse ich alle Vernunft fahren, pfeife auf die Realität, gönne mir den Luxus, habe Mut und Sehnsucht und Liebe und … einen Traum. Male mir ein Bild davon, wie schön es wäre, wenn die Welt so wäre, wie ich sie auf diesem Bild sehe.

Auf meinem Bild kümmern sich Menschen liebevoll um die (Um-)Welt und es ist ihnen wichtig, Ressourcen zu achten.

Auf meinem Bild wollen Menschen wirklich (Mit-)Menschen sein und kümmern sich umeinander. Da kommt keiner zu kurz. Allen geht es gut. Jeder hat die Chance auf ein gutes und gelingendes Leben. 

Auf meinem Bild werden Familien gestärkt, gestützt, Kinder liebevoll begleitet und gemeinsam das Leben gefeiert.

Auf meinem Bild sind Christen liebevolle Stütze, herzerwärmender Antrieb und barmherziger Helfer der Gesellschaft und Welt. 

Ein schönes Bild! Oder nicht?

Keine Angst, kein Leid, keine Not, keine Sucht, keine Zwänge und Ausbeutung. Keine Häme, kein Unglück … und wenn doch, dann nie einsame Angst, vernichtendes Leid, zerstörende Sucht etc. Weil immer jemand da ist, der hilft, betet, trägt und liebt. 

Ein sehr schönes Bild! Finde ich.

Und irgendwie glaube ich, möchte ich glauben, dass das auch Gottes Ideal- und Zielsicht auf seine Welt ist. 

Zerbruch

Aber dann ist der Luxus vorbei und ich sehe unsere Welt. 

Sehe, dass es Staaten, Staatenlenker, Firmen und uns am Ende leidlich egal ist, wie es der (Um-)Welt geht. Massentierhaltung, Rodung der Wälder, Vermüllung der Meere – alles weit weg oder zumindest so, dass ich es nicht sehen muss. Klimawandel gibts eh nicht und wenn doch, dann nicht menschengemacht. Darauf einen Coffee to go im praktischen Einmalplastikbecher!

Sehe, dass es Menschen zuerst um sich geht, an zweiter Stelle um sich, an dritter vielleicht um die eigene Familie, dann das eigene Land und dann kommt ziemlich lang nichts. Mein Magen verkrampft sich, wenn Schultern angesichts von Ertrinkenden im Mittelmeer gleichgültig zucken, wenn tausende menschenverachtenden Reden von Höcke und Kumpanen zujubeln und dann entsprechend wählen, wenn Kinder an der Grenze von ihren Müttern getrennt und kaserniert werden – und es dafür breite Zustimmung gibt. 

Sehe, wie Einzelne mehr besitzen als die halbe Menschheit und diese halbe Menschheit an Krankheiten, Hunger, Krieg … langsam aber sicher krepiert. Wie Männer Frauen/ Kinder kaufen, jeder im Westen für seinen Lebensstil auf Sklavenarbeit setzt …

Sehe, wie Familien benachteiligt und Alleinerziehende stigmatisiert und allein gelassen werden. Sehe einsame, abgeschobene Alte und ganze Ghettos voller benachteiligter und abgehängter Menschen, denen gern einmal ein boshaft zynisches: „Seid nicht so faul, Hartz4 ist keine Hängematte!“ entgegenschallt. Sehe unzählige nicht beachtete, als Last empfundene, abgeschobene, abgetriebene Kinder – und eine große Abneigung gegen Inklusion und überhaupt den Kontakt mit Behinderung. 

Sehe Christen, die sich viel zu sehr um sich selber drehen und denen der Erhalt des eigenen Gemeindehauses wichtiger wird, als die Menschen um sie herum, denen eine Handvoll theologische Richtigkeiten über alles geht und die mit großer Härte gegen diese oder jene Minderheit ätzen.

Mit jedem Blick zerbricht mein Bild. Zerbricht in tausend Scherben.

„War ja klar“, höre ich die harten Realisten sagen, „wer solche Traumbilder hat, der muss ja Zerbruch erleben. Selber Schuld.“

Aber das glaube ich nicht – will ich nicht glauben. Ist nicht der Traum einer guten, schönen, antwortenden Welt der Traum aller Menschen und auch der Traum Gottes? 

Sollten wir nicht alle viel mehr, fester, weitreichender diese Träume träumen und nach Möglichkeiten suchen, wie sie sich in Realität gießen lassen könnten? 

Sollten wir nicht glauben (dürfen/ wollen/ können), dass Gottes Traum von dieser Welt Bestand hat, Realität wird, mit Jesus angebrochen ist und seitdem mindestens Teil dieser Welt ist?

Sollten wir? Sollten wir.
Aber wie können wir so glauben, hoffen und lieben – angesichts unserer Welt? Angesichts all dieses Zerbruchs und der Scherbenhaufen überall? Mir fällt das schwer, weil das Leiden noch nicht abgeschafft ist; weil Leben immer noch weh tut.

Mosaik: Ein neues Bild

Noch während ich so fragend denke, blitzt auf einmal etwas auf. 

Da, an dieser einen Bruchstelle meines Bildes, leuchtet ein Stück rotes Glas im Licht. Es strahlt sogar. 

Da strahlen plötzlich Menschen auf, die sich hingebungsvoll um die (Um-)Welt kümmern, sich für andere einsetzen, alles dafür geben Benachteiligte zu entbenachteiligen, Kinder wertzuschätzen, Strukturen gerechter zu machen und Barmherzigkeit zu leben. Da bricht – leider von mir eher unerwartet – Gottes Liebe durch, die Wunder nach sich zieht … 

Auf den zweiten Blick fügt sich so aus den vielen zerbrochenen Bilderscherben ein neues Bild. Ein Mosaik. Und es ist schön – an vielen Stellen wunderschön sogar. Ohne den Zerbruch zu leugnen.

Wahrscheinlich gibt es das Leben nur so.
Vielleicht gibt es in diesem Leben das Reich Gottes nur so.
Als aufblitzende Schönheit, Heiligkeit und Liebe mitten im Zerbruch.

Immanuel

In einer Welt voller Zerbruch …

»Seht, die Jungfrau wird schwanger werden 

und einen Sohn zur Welt bringen, 

und man wird ihm den Namen Immanuel geben. 

Immanuel bedeutet: »Gott ist mit uns«. 

(Matthäus 1,23 NGÜ)

… Immanuel – Gott ist mit uns!

Gott ist mit uns – mit mir. Sieht mein Bild , meine Sehnsucht, mein (Mit-)Leiden und unsere Welt. Mitte in diesem Welt hinein sagt Gott:

Ich bin mit euch.
Es gibt niemanden, dem ich meine Liebe verweigere. 

Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, den ich nicht segne.

Es gibt keinen Menschen, der Angst hat, leidet, benachteiligt, ausgegrenzt etc. ist, bei dem ich nicht ganz nah dabei bin. 

Keine Unordnung, kein Zerbruch kann mich davon abhalten, mit meiner Liebe mitten hinein zu kommen. 

Immanuel – Ich bin mit euch! Ich bin mit dir. 

So ist Weihnachten. Das Heilige kommt mitten in eine Welt voller Zerbruch und macht von beginn an deutlich: Gott hält sich nicht heraus aus den Scherben unseres Lebens. Er kommt mitten hinein. Wird Teil unserer Unordnung, Chaos, unseren Zweifeln, Ängsten und unserer Verzweiflung. Dass Leid und Schmerz da sind, heißt nicht, dass Gott weg wäre, dass er sein Ziel nicht erreichen würde mit uns und dieser Welt. 

Gott ist da. Er ist mit uns. Mittendrin. Nicht überrascht. Nicht überfordert. Immer zugewandt. Immer liebend. 

Er gestaltet ein neues Bild. Ein Mosaik. Das Mosaik des anbrechenden Reiches Gottes. Ein schönes Bild – voller zerbrochener Bilder, Schicksale und Sehnsüchte.

Ich bin eingeladen: Teil dieses Reich-Gottes-Mosaiks zu werden. Und Mitbastler daran zu sein. Das finde ich schön, ermutigend – und das kann ich glauben. 

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