Das Lebensloch

Kennst du das Freizeitloch? Das ist sicher kein wirklicher  Fachbegriff. Aber wer schon mal MitarbeiterIn auf einer Freizeit war,  weiß meist direkt was ich meine. Aber Lebensloch?

Ins Freizeitloch falle ich nach einer tollen, schönen,  kraftkostenden, intensiven, lustigen, gotteserfahrungsreichen ,  schlafdefizitären, tiefgehenden, gemeinschaftsbildenden … Freizeit.  Eigentlich hatte ich mich auf zu Hause gefreut und darauf, in meinem  „normalen Leben“ all das anzuwenden und Wirklichkeit werden zu lassen,  was ich mit Gott erlebt und von ihm gelernt habe. Aber auf einmal bin  ich wirklich wieder zu Hause. Meine Wegbegleiter der letzten Tag auch –  nur halt woanders. Ich merke, wie müde und platt ich nach dieser  Freizeit bin. Höre den garstigen Alltag wieder anklopfen. Sehe meine  geistlichen Höhenflüge und Innigkeiten mit Gott sich recht schnell in  recht viel Rauch auflösen. Fühle mich irgendwie frustriert, leer und bin  darüber wütend, dass es so ist, wie es ist. Außerdem fangen genau jetzt  meine tausendeinhundertfünf Mückenstiche an zu jucken – und wo ich  überall Sonnenbrand hab … Ihr kennt das.

Grad gehts mir irgendwie ähnlich – nur ohne Freizeit. Ich sitze in  einem Lebensloch. Die Hälfte der Familie war für über drei Monate im  Krankenhaus. Das war zwar nicht so schön, wie eine Freizeit. Aber   kraftkostend, intensiv, gotteserfahrungsreich, schlafdefizitär,  tiefgehend und auslaugend. Eigentlich haben wir uns neben der  Verbesserung der Situation unseres Sohnes nur eines gewünscht: Dass wir  endlich wieder zusammen sind als Familie, dass die Trennung und alles  Negative endet, was damit einher geht. Darauf haben wir gehofft, darum  immer wieder gebangt und dann darauf hingefiebert, als es endlich  Wirklichkeit zu werden schien.

Jetzt sind wir seit ein paar Wochen wieder zusammen und zu Hause als  Familie. Darauf haben wir hingelebt. Und es ist wunderschön!Aber,  ich hab auch das Gefühl, ich bin in ein ganz schön tiefes Lebensloch  gefallen. Auf einmal müssen sich zwei Überlebensstrategien wieder zu  einer verbinden. Man darf nicht nur zusammenleben – man muss auch. Halt  sogar dann, wenn es schwierig wird, Stress gibt, Ansichten divergieren  und man eigentlich Zeit bräuchte, um zu diskutieren, zu verstehen,  einzufühlen und dann gemeinsam Kompromisse zu finden. Eigentlich. Wenn  die Situation mehr fordert, als wir noch zu geben bereit sind. Dazu  zeigt sich die fehlende emotionale Spannkraft nicht nur mal kurz beim  Besuch am Nachmittag, wo sie sich sich mit einem mehrheitlich gewollten  Lächeln überspielen lässt, sondern mitten drin im Alltag. Sprich: Im  Leben. Dazu kommen Medikamente, Termine, drei Ärzte mit fünf(zehn)  Meinungen, viel OrGa-Kram, so was wie Haushalt und … man man. Dieses  Lebensloch ist tief.

Wir haben uns so aufeinander gefreut – und schaffen es jetzt nur sehr  bedingt das zu genießen. Manchmal erhaschen wir einen Moment, der es  wirklich durchschafft bis in unser Herz. Dann ist die Freude groß und  das Lächeln breit – oft aber nur, um kurz darauf in einem allgemeinem  Seufzen zu (ver)enden.

Man ist mit der Gesamtsituation unzufrieden, die so belastend,  anstrengend, fordernd, auslaugend … ist, dass sie das Schöne irgendwie  verdeckt, vielleicht verschluckt, ja manchmal gefühlt geradezu einsaugt.  Zwar ist das zusammen alles irgendwie besser auszuhalten – aber mehr  als aushalten, ists dann halt doch nicht. Oder?Doof, so ein Lebensloch.

Deswegen sehen unsere Tage so (oder ähnlich) aus:Es gibt viel zu  tun auf der Arbeit, weswegen ich versuche möglichst pünktlich und ohne  allzu viele Sabberflecken und Kakaoknutschflecke das Haus zu verlassen.  Die allgemeine Aufregung ist groß – für den Mikrometz stehen diverse  Termine an, der Minimetz soll pünktlich im Kindergarten sein, auch wenn  er dazu „heute, also nur ausnahmsweise“ so gar keine Lust hat und  nebenbei die neue Sportart „ExtremTrödeln“ erfindet.Während ich im  Bus neben einer Frau sitze, deren Parfum mich immer wieder an den Rand  einer Ohnmacht führt, nimmt ein anderer Wagen meiner Frau die Vorfahrt.  Um ein Haar hätte es gekracht, wie man so schön sagt. Der Minimetz ist  mittlerweile im Kindergarten, den Mikrometz hätte voll erwischt. Zum  Glück brauch ich kein Riechsalz nach der Info. Hab ja nen gefühlten  Parfumladen in meiner Nase. Der Tag verläuft getrennt, wie neuerdings wieder üblich.Abends,  mitten im Gewirr der täglichen todos rund um Abendessen, Wohnungschaos  beseitigen, Minimetz bettfertig machen, Mikrometz pflegerisch versorgen  und und und, schreit die Frau auf einmal auf. Da ist doch tatsächlich –  also beim Entleeren des Stomabeutels in eine bereitliegende Windel –  irgendwie muss der Mikrometz an die Windel gekommen sein und – warum  haben die Thermostate an Heizungen eigentlich offene Rillen? Wenn sie  die nicht hätten, würd da jetzt nicht die ganze Sch… rein laufen. Wie  kriegt man das jetzt bloß wieder sauber neben schreiendem Kind,  fragendem zweiten Kind, was denn los sei und glucksender Oma am Telefon,  dies lustig findet, weil nicht ihr passiert ist?Nachdem die  Schlacht so weit geschlagen ist (wir sind uns noch nicht einig, ob die  Reinigung ausreichend war, wirs noch mal versuchen, oder einfach das  ganze Thermostat entsorgen), kugeln sich die Jungs fröhlich quiekend  durchs Bett, bis der Mikrometz den Schlauch seiner Magensonde so gekonnt  am Bettgestell einklemmt, dass er sich unter lautem Gebrüll die ganze  Magensonde rausrupft, als er sich weiterdreht. Also schreiendes Kind  aus dem Bett und irgendwie alles wieder zusammenbasteln – den Älteren  währenddessen mit Biene Maja ruhig stellen („Papa, das macht nichts,  wenn ihr euch um meinen Bruder kümmern müsst, ihr könnt da ruhig langsam  machen!“).Am Ende hat meine Frau mit mittlerweile chirurgischer  Präzision und Gelassenheit alles wieder in den Ursprungszustand  versetzt, und sagt immer wieder etwas fassungslos so etwas, wie: „Das so  was alles in einen Tag passt. Sag doch mal ehrlich, so was passiert  doch eigentlich nicht einfach so, oder??“ Ich kann darauf grad nich mehr  antworten, weil ich weinen muss. Wir verstehen uns.

Eine Nacht später sitzen beide Jungs beim Frühstückstisch auf meinem  Schoß und kuscheln. Der Minimetz schreit nach der Mama: „Du musst auch  kommen. Dann ists am schönsten!“ Und dann kuscheln wir halt alle  zusammen und genießen den Moment, der es bis zum Herzen schafft.Ich könnte schon wieder heulen (Irre Sache – ich bin eigentlich so was von gar nicht emotional. Echt jetzt!). Ein neuer Tag beginnt. Ich bin gespannt.

Was bleibt?  Allein wärs im Loch nur halb so schön. Allein wärs auch  viel schwieriger wieder rauszukommen. Mal schauen, wie lange wir  brauchen, um den Jungs eine anständige Räuberleiter beizubringen …

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